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Was ist eine
Fahrt?
Die Frage müsste eigentlich heißen: Was verstehen wir unter
einer Fahrt?
Der Begriff wurde vor mehr als 80 Jahren in der alten Wandervogelzeit geprägt
und hat im Tätigkeits- und Erlebnisbereich der Pfadfinder und ähnlicher Gruppen
seine feste Bedeutung.
In der Allgemeinheit ist er heute allerdings stark verwässert und wird
fälschlich für alle „Jugendreisen“ verwendet.
Neunundneunzig Prozent von dem, was man auch bei Jugendbehörden
„Klassenfahrten“ nennt, sind keine Fahrten, sondern Reisen. Man reist mit
Koffern und Rucksäcken bewaffnet per Bus, Eisenbahn oder Schiff zu einem
Ferienheim, einer Jugendherberge oder in ein Zeltlager, um dort nach geregeltem
Tagesplan eine unbeschwerte Freizeit zu verbringen, wobei andere für das
leibliche Wohl sorgen. Auch sogenannte „Bildungsfahrten“, bei denen man zwar
mehrfach den Ort des Geschehens wechselt, sind Reisen, denn stets wartet abends
das vorbereitete Quartier mit gemachten Betten auf die müden Teilnehmer. Immer
hat ein Organisator unterwegs pünktlich für das Essen gesorgt.
Eine richtige Fahrt dagegen ist dynamisch, ist ständige Bewegung, ist Wandern
von Nachtlager zu Nachtlager und damit Selbstzweck, und nicht Mittel zum Zweck.
Das „Unterwegs sein“, und zwar aus eigener Kraft, verbunden mit der Freude am
Entdecken von Unbekanntem, dem Bestehen kleiner und großer Abenteuer, das „auf-sich-selbst-Angewiesen-sein“
in jeder denkbaren Situation, sich seine Nahrung unter ungünstigen
Verhältnissen selbst zuzubereiten oder gar aus der Natur zu leben, am Tag noch
nicht zu wissen, wo man abends sein –müdes Haupt hinlegt, ob in einer Höhle, in
einer Scheune beim Bauern, unter einem Baum oder dem Zeltdach- das ist
klassische Fahrt!
Es ist einleuchtend, dass dazu mehr gehört als zu den oben erwähnten
Klassenreisen oder dem Leben in Zeltlagern oder auf Campingplätzen. Mit anderen
Worten: Ein erfahrener „Fahrtenhase“ muss zwar auch all das können , was zum
Zeltlagerleben gehört – aber noch dreimal mehr, anderes, von dem ein
Lagerbewohner oder Herbergswanderer kaum je gehört hat.
Es ist schwer zu erklären ,was dieses „Auf-Fahrt-Sein“ überhaupt ausmacht. Dazu
gehört ein bisschen Romantik – Vernunft eigentlich nur insoweit, als man weiß,
wo die Grenzen liegen. Vor allem aber gehört dazu Phantasie, Freude am
einfachem Leben und Abenteuer, ferner der Wille, mit allen großen und kleinen
Schwierigkeiten fertig zu werden, das wiederentdecken von Überlebenskünsten,
die dem modernem Menschen fast schon abhanden gekommen sind, Mut zur eigenen
Bewährung, das Erlebnis der Gemeinschaft Gleichgesinnter – und sicherlich noch
vieles mehr.
Aus „Fahrten, Ferne, Abenteuer“ von Hans von Gottberg
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